Eine Hommage an das Gänse-Essen oder Vom Einläuten der Weihnachtszeit …

Bei der Planung des diesjährigen Weihnachtsessens war Finderspitzengefühl gefragt, wurden früher mehrere Gänse in den Kachelofen gesteckt, das lokale Rotkraut aus dem eigenen Garten mit Apfelstücken (auch aus dem eigenen Garten) in einem großen Topf gar gekocht und die Klösse aus alten Semmeln oder Spätzle aus Eiern vom nahe gelegenen Bauernhof hergestellt. Heute stehen motivierte Weihnachtsköche vor einer Vielzahl an Herausforderungen.

Früher war alles besser

War es nicht schön, wie der wundervolle Duft der zu bratenden Gänse durch das Haus zog und Vorfreude auf das abendliche Schlemmen versprühte, man schon morgens bei der Zubereitung der einzelnen Zutaten der Oma oder der Mutter über die Schulter schaute (oder eher von unten nach oben schaute) und hier und da – sofern es nicht mit Messer zubereitet wurde – helfen konnte.
Die Gesellschaft war groß. Freunde und Verwandte kamen ins Haus, der ein oder andere Nachbar wurde auch eingeladen und es wurde an einer langen, mit weißen Tischdecken gedeckten Tafel im ‚guten‘ Zimmer gespeist, gelacht und einfach nur eine gute Zeit gehabt. 

Der Wein floss in Strömen, wir Kinder durften sogar die Schlegel in den Händen halten und abknabbern. Ein Fest des Genusses und der Freude, denn es war ja Weihnachtszeit, da könnte man es sich ja gut gehen lassen. Nach getaner Arbeit sah die Küche aus wie ein Schlachtfeld, die überbleibenden Fleischstücke wurden am nächsten Tag kalt gegessen, denn verkommen muss ja nichts.
Das Essen war ein Erfolg wenn die Teilnehmer die Köchin beglückwünschten, mehrere Schnäpse auf Ihr Wohl tranken und zum Zerreißen noch einen Weinbrand hinterher schoben. Der Weinbrand wich im Laufe der Zeit dem Espresso oder aktuell gar Ristretto aus dem chromblitzenden Kaffeeautomat – die früher konsumierten Verdauungstabletten fielen hinten runter, der Schnaps wich im Laufe der Zeit dem hervorragenden Grappa aus dem Trentino, aber glückliche Gesichter und pustende Münder verrieten, das es geschmeckt hat.
Das alljährliche Gänse-Essen läutete die Weihnachtszeit ein … Vergangenheitsform – so muss es formuliert werden.

Intolleranzen übernehmen die Planung

Da der Familien- und Freundeskreis zwischenzeitlich übersichtlich geworden ist, lässt sich auch in einer kleinen 2 Zimmerwohnung das Weihnachtsessen umsetzen.
Die Schritte dorthin ähneln allerdings einem Spießrutenlauf par Excellence.
Der Tisch wird für nicht mehr als 8 Personen gedeckt, denn alles über dieser Anzahl würde sowohl die kleine Küche, als auch meine Nerven nebst Organisation vollkommen überfordern. Mal ganz davon abgesehen, dass heutige Hochleistungsöfen maximal eine unterernährte Gans fassen ist die Idee ein Gänseessen zum Einläuten der Weihnachtszeit zu veranstalten Geschichte. Heute ist selbst die Planung eines Weihnachtsessens eine ideologische und theologische und weltumfassende Abhandlung zur Vorbereitung eines Nahrungsaufnahme-Events der Menschheit.

Geladen waren:

  • Ute (OcoLctoPescatorier)
  • Ruth (Diabetikerin mit Magenproblemen)
  • Uwe (trockener Alkoholiker)
  • Paula (Vegetarierin)
  • Pierre (Veganer mit Glutenunverträglichkeit)
  • Horst (Laktoseintollerant & Nussallergie)

Von Suppen oder Vorspeisen

Die logistische Herausforderung startet mit der Vorspeise … ein Süppchen sollte es sein. Doch eine angedachte Kraftbrühe mit Leberklösschen kommt in der heutigen Zeit nicht mehr in Frage. Der Ruf nach vegetarischen Speisen hallt doch all zu oft durch die Räume, also fleisch-frei für Vegetarierin Paula. Kein Problem, wird’s eben eine Gemüsebrühe mit Flädle, dann haben wir auch den Veganer Pierre glücklich gemacht – fast – denn bitte die Flädle ohne Gluten, dass muss sein. Dinkel-Flädle?
Bei der Gemüsebrühe nur darauf achten, dass kein Hefeextrakt dabei ist und möglichst wenige Spuren von Senfsaat, Sellerie und anderen Allergenen enthalten ist – und bitte nicht zuviel Koriander oder Ingwer verwenden und die Sojasoße separat und nur GMO-frei … okaaaaayyy, vielleicht doch warmes Wasser?

Hauptgang – oder was willste essen?

Durch die Vegetarier und Veganer fällt der Hauptgang mit der Gans ja ohnehin weg, stattdessen Fisch?

Nix da, wir haben ja nur einen OctoLactoPescatorier Ute am Tisch, der Veganer würde ohnehin bei Fisch toben … Schade, denn die Gans stammt nicht aus dem polnisch-sprachigen Euro-Raum, sondern vom Bio-Bauernhof um die Ecke, ich sah sie bereits laufen und habe auch mit Ihr gesprochen – sie hieß Gustav.

Der Rotkohl geht natürlich, aber bitte nicht mit Rotwein abschmecken, denn Uwe ist trockener Alkoholiker und darf keine Spuren von Alkohol, auch nicht verdampft zu sich nehmen. Die Apfelstücke passen, da sie biologisch angebaut und regional in Deutschland geschält sind. Prima, passt theoretisch dazu … wenn der Rotwein ich wäre … und die Briese Zimt, die die nötige Raffinesse bringt hat bestimmt für den Einen oder Anderen Gast einen zu hohen Cumarinwert.

Sündigen bei der Nachspeise

Die Nachspeise stellt eine zusätzliche Herausforderung dar, es sollte eigentlich mal international werden. Hierzu suchte ich eine leckerere selbstgemachte Panna Cotta mit Nuss-Splittern auf einem Früchtespiegel aus. Doch das ging ja mal gar nicht, denn Sahne oder Pudding geht ja wegen dem Veganer nicht. Da dort viel Zucker verarbeitet ist kommt Ruth als Diabetikerin gar nicht mit dem Nachtisch klar. Horst als Laktoseintollerater kommt mit dem Laktat nicht zurecht und hat zudem eine Nuss-Allergie. Durch Ihr Alter hat Ruth leider einen übersäuerten Magen, weswegen der Fruchtspielgel besser nicht zum Einsatz kommen sollte …

… das war nun das Weihnachtsmenue

Nunja, also habe ich das Menue komplett umgestellt und angefangen mit einer klaren Suppe aus Hefeextrakt-freier Brühe, zur zweiten Vorspeise eine Portion Dinkel-Spaghettini mit Hafersahne, Bio-Tomatenmark und gebröckeltem Bio-Tofu, GMO-frei versteht sich.
Zur Hauptspeise dann das Seitanschnitzel mit Hafersahne und getrockneten Steinpilzen aus nachhaltig regionalem Anbau mit wenig Kontakt zu dem Regen aus Tscherobyl. Nachspeise ist es fdann der Chia-Pudding mit frischen Blaubeeren aus der Region Lüneburger Heide geworden. Ich versicherte mich vorher, dass die Blaubeeren nicht im Wald, sondern in einer geschützten Kultur mit verantwortungsvollem Wirtschaften hergestellt worden sind.

Keine Gans, kein Rotkohl, keine Klösse, keinen Wein – adé Du schöne Weihnachtszeit …

… ich geh dann morgen alleine ins Restaurant, da gibt’s Gänsebraten ohne Kompromisse – guten Appetit.

(Die Namen und das Weihnachtsessen sind reine Fiktion und haben keinerlei Parallelen zu Personen oder Umständen im realen Leben)

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